Abendessen bei einer Berberfamilie

Zagora, kurz vor der Sahara, 1. März 2016

Haben wir für die Wüstentour etwa schlecht verhandelt, oder wieso bekommen wir bereits gegen Mitte der Tour eine private Einladung von Mohammed zu einem Abendessen im Kreis seiner Familie ? Wir sind zunächst deutlich zurückhaltend, aber nachdem Mohammed die Einladung gegen Ende der Tour noch einmal wiederholt, nehmen wir an. Treffpunkt 18:30 Uhr am Eingang zum Campingplatz. Es wird Couscous mit Hühnchen geben. Als spontane Gastgeschenke haben wir deutsche Schokolade und kleine Schreibblöcke für die Kinder dabei. Mohammed erwartet uns pünktlich zur verabredeten Zeit ( Einer der Sprüche von Mohammed lautet: Ihr habt die ArmbandUhr und wir Marokkaner haben die Zeit ! ) . Wir fahren gemeinsam mit einem Taxi in sein Dorf. Die Familie von Mohammed bewohnt ein 300 Jahre altes Lehmhaus. Es geht eine schmale Stiege hinauf in die obere Wohnetage. Alle Wände aus gestampften Lehm. So gut wie keine Abdeckungen der Wände mittels Tüchern oder Teppichen. Die einzelnen Zimmer sind durch Tücher abgetrennt. Mohammeds Frau begrüßt uns herzlich, das Paar hat 5 Kinder zwischen 1 und 17 1/2 Jahre . Wieso wir nur zwei Kinder haben ? Mohammed meint, wir könnten doch noch eins machen. Auf meinen – scherzhaften – Einwand, dass ich mir hierfür eine zweite Frau nehmen müsste, kommt energischer Widerspruch von Mohammeds Frau, die trotz fehlender Englisch – Kenntnisse – auch durch Mohammeds Übersetzungen – einiges mitbekommt. Eine zweite Frau sei gar nicht gut. Auch Mohammed betont, für ihn komme eine zweite Frau nicht in Frage, er habe schließlich nur ein Herz ! Wir alle, einschließlich der süßen kleinen Leila, trinken Tee, für Bettina wird extra ein Tee ohne Zucker bereitet. Leila kann mit gerade 12 Monaten schon richtig gut laufen. Sie ist ganz offensichtlich der von allen, selbst den 6 und 12 Jahre alten Brüdern, herzlich geliebte Wonneproppen und Nachzügler in der Familie. Die Brüder  kümmern sich rührend um ihre kleine Schwester. Der Ältere hilft zudem mit bei der Bewirtung der Gäste und gießt Ihnen warmes Wasser aus einem Kessel über die Hände zum Händewaschen vor und nach dem Essen. Auf  unsere Frage woher sie das Wasser bekommen, erklärt man uns stolz, dass das Wasser nur etwa 200 Meter vom Haus aus einem Wasserhahn auf dem Dorfplatz stammt.  Währenddessen läuft die ganze Zeit im Hintergrund der Fernseher. Wir nehmen´s nicht persönlich. Für unsere Gastgeber ist der Fernseher halt ein wichtiges Fortschrittssymbol.

Gegessen wird das Couscous-Gericht gemeinsam von einem großen runden Teller auf der Erde, um den sich alle gruppieren. Wahrscheinlich den Gästen zuliebe werden große Löffel gereicht. Gekocht hat das Essen die älteste Tochter ( 17 1/2 ), die, so erzählt Mohammed stolz, in gut zwei Monaten heiraten wird. Zwar gibt es seit einigen Jahren ein Mindestalter von 18 Jahren für eine Heirat, aber für die Tochter konnte eine Ausnahmegenehmigung beantragt werden, die ein Richter bestätigt habe. Die Ehe ist von den Eltern vermittelt worden. Der künftige Mann, der Sohn eines Bekannten/Verwandten von Mohammed, habe bei Ihnen vorgesprochen. Die Tochter habe nach einem Gespräch eingewilligt…..noch vor nicht allzu langer Zeit wurden 13 und 14 jährige Mädchen (auch ohne Einwilligung ) verheiratet….der aktuelle König hat einiges an Reformen eingeleitet. Wir sind herzlich zur Hochzeit, zu der gut zweihundert Personen kommen werden, eingeladen.

Das couscous-Gericht ist herrlich, kein Vergleich zu dem labberigen Gemüse, was wir einmal in einem Restaurant vorgesetzt bekommen haben. Es gibt sogar ein Dessert, unser Lieblingsdessert: Orangenscheiben und Bananenstücke mit Zimt bestreut….Bettina findet einen guten Draht zu Mohammeds Frau. Sie will Fotos von unseren Töchtern zeigen und sucht auf ihrem Handy Winterbilder…Marlene und Jule in hotpants will sie der Mutter und den neugierigen älteren  Töchtern nicht zumuten. Frauen in hotpants werden nicht geachtet. Die drei Frauen sind äußerst interessiert. Bettina bekommt von Mohammeds Frau gegen Ende unseres Besuches ein aufwendig selbst besticktes Kopftuch überreicht und anprobiert. Mit Kopftuch ist Bettina voll integriert. Alle Frauen freuen sich, dass das Tuch Bettina so gut steht. Herzliche Verabschiedung. Wir entschließen uns ,  schon beim Hinausgehen, Mohammed auf das wertvolle Geschenk direkt anzusprechen, machen deutlich, dass wir das Geschenk sehr schätzen würden, wir aber auch wissen, wie lange es dauert, so ein Kopftuch herzustellen, und wir es deshalb bezahlen möchten. Mohammed lehnt zunächst ab und betont, dass es ein Geschenk sei. Wir lassen aber nicht locker und schliesslich holt Mohammed extra seine Frau, der wir einen angemessenen Betrag überreichen. Strahlende Augen ! Haben wir, so glauben wir, richtig gemacht, ohne die Grundsätze der Gastfreundschaft zu verletzen. Mohammed geleitet uns noch in einer Taxe bis nach Hause. Er hatte noch sein Moped in der Stadt, mit dem er anschließend wieder zurückfahren kann….einen für uns sehr schönen Abend beschließen wir mit einem guten Glas marokkanischem Wein in unserem gemütlichen kleinen Bus.

Mohammeds Traum ist einmal eine eigene company zu besitzen für Wüstentouren, nebenbei baut er für seine Familie ein neues Haus und ist klug genug, dabei nicht nur auf den Fortschritt ( = Zement ) zu setzen, sondern auch Lehmwände aus klimatischen Gründen gezielt mit einzusetzen. Wir wünschen ihm und seiner Familie alles Gute und viel Erfolg. wer von den Lesern einmal nach Zagora reisen wird, kann gerne von uns seine Telefonnummer bekommen. wir können ihn guten Gewissens empfehlen.

Auf Fotos haben wir, trotz Aufforderung und Zustimmung des Hausherrn ( „aber  nur für uns privat“ ), bewußt verzichtet, um jegliches Unwohlsein bei den Familienmitgliedern Mohammeds von vornherein zu vermeiden.

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